Kleiner Verbalradikalismus zum Wochenende
28.05.2010
Man sollte den Freiherrn von Beust vielleicht mal handfest daran erinnern, wie es seinen Standesgenossen in Frankreich ergangen ist, als sie Ende des 18 Jahrhunderts den Hals nicht voll gekriegt haben.
Dass die gegenwärtige Misere keine vom Himmel gefallene Naturkatastrophe ist, sondern eine Folge der seit Jahrzehnten mit zunehmender Dreistigkeit betriebenen Umverteilung von wenig Besitzenden zum Großkapital, wird in des Freiherrn Äußerung implizit ja schon angedeutet.
Für die Äußerung ’”Es gibt keine Tabus.” Selbst Senatorengehälter könnten gekürzt werden.’ (Finanzsenator Carsten Frigge (CDU) laut Mopo) muss man in ihrer entwaffnenden Aufrichtigkeit geradezu dankbar sein.
Der Mopo dankbar in ich für ihren pragmatischen und bürgerfreundlichen Vorschlag, der hoffentlich in Bälde umgesetzt wird:
“Um so viel Geld einzunehmen, wie jetzt jährlich gespart werden soll, (…) [könnte] der Senat 75 Prozent der Polizei abbauen.”
Hamburger Morgenpost: Hamburg muss sparen, bis es weh tut!
Schattenspiele
02.08.2009
Als ich heute “morgen” aufstand, bemerkte ich, dass eine auf dem Boden stehende Packung Papiertaschentücher im Schein der Nachttischlampe einen Schatten warf, der genau dem eines Kätzchens glich. Süß!
Jedoch musste ich feststellen, dass trotz eines in der Nähe befindlichen Sockens mit präzis mausförmigem Schatten sich nicht die ja wohl zu erwartende Jagdszene entspann.
Merke: Schattenspiele bringen’s nicht.
Und nächste Woche referiere ich, wie man aus so einem Erlebnis 25 Twitter-Beiträge generiert…
20. Juli
20.07.2007
An diesem Datum gedenken wir des Tages, an dem das andere, das anständige Deutschland (wir!) wie ein Mann (Stauffenberg) gegen das Böse aufstand bzw. um die Baracke zu verlassen.
Aber Stauffenberg war nicht allein!
Fast alle Deutschen waren irgendwie im Widerstand. Untereinander erkannten sie sich an ihrem geheimen Gruß: dabei wurde mit gestreckter Hand der rechte Arm erhoben und laut “Heil Hitler” gerufen – eine Anspielung auf den geistigen Gesundheitszustand des irren Diktators, dessen Opfer das Volk geworden war.
Das Raffinierte: dieser Gruß war nur von Eingeweihten von dem der Nazis zu unterscheiden – auf dieses Weise blieben die Widerständler vor ihren Verfolgern verborgen.
Verbreitet war auch das Mittel der Sabotage. So wurde die mächtige Geheimpolizei “GESTAPO” (fast so schlimm wie die Stasi!) mit Denunziationen überflutet, um sie durch die Masse der Anzeigen lahm zu legen.
Was in der langen Phase der Selbstgeißelung, die sich die leidgeprüften Deutschen großmütig selbst auferlegten, in Vergessenheit geriet: fast ganz Deutschland bemühte sich selbstlos um die Rettung der Juden.
So gab es kaum eine Familie, die sich nicht des zurückgelassenen Eigentums ihrer so plötzlich und unerklärlich verschwundenen Nachbarn annahm.
Ja, Stauffenberg war nicht allein: so wie er schlichen sich Millionen deutscher Männer und Frauen in die Organisationen der Nazis ein, arbeiteten sich in jahrelanger, geheimer Mission an einflussreiche Stellen hoch und wurden oft nur durch das überraschend eintretende Ende des Krieges daran gehindert, widerständisch aktiv zu werden.
Hätte das Dritte Reich, wie angekündigt, tatsächlich tausend Jahre bestanden, zweifellos hätte sich ein vielfältiger, bunter und kreativer Widerstand entfaltet.
Darauf aber können wir jetzt wirklich etwas Braunes ablegen…
Aus „Adornos gesammelter E-Mailverkehr in fünf Bänden“, Frankfurt 19xx
24.12.2006
Sehr geehrter Herr Teeonline,
seit Wochen, um nicht zu sagen seit Monaten, warte ich nun auf den bestellten Internetanschluß mit DSL, den mir Herr Callcenteragent aus Ihrer Serviceabteilung zuletzt für spätestens Anfang dieser, wie Sie bemerken werden, nun auch schon zu Ende gehenden, Woche versprochen hatte.
Doch wieder ist nichts geschehen.
Weder kann ich das Kritische-Theorie-Online-Portal erreichen, noch mich in den Philosophenchatroom einwählen, vom Abrufen und Senden meiner E-Mail ganz zu schweigen, weshalb ich auch nicht weiß, warum ich Ihnen dies eigentlich mit Thunderbird schreibe.
Vielleicht drucke ich es ja mit dem neuen Lexmark-Drucker aus und schicke es per Post.
Moment, ich sehe gerade, jetzt geht es, so dass ich es Ihnen doch als E-Mail schicken kann.
Hochachtungsvoll,
Ihr Theodor W. Adorno
Großdenker
Traumgeschichte
24.12.2006
Der Berg kreißte und gebar einen Renault Clio, in dem saß Herr M., zur Arbeit fahrend.
Jedoch nahm er an der Weggabelung nicht links die Überlandstraße nach W., dem Standort der Firma H&Y und mithin seines Arbeitsplatzes, sondern wählte vielmehr den Waldweg nach K., dem Wohnort von T., die er seit Monaten zu besuchen, ja sogar anzurufen vermied.
Auf der Fahrt durch den Forst passierte er auch die Bank, auf der er im Sommer öfter mit T. gesessen hatte, ohne, wie sich Herr M. jetzt bitter erinnerte, ihre Hand gehalten zu haben.
Auf der Rückenlehne der Bank saß eine Krähe, die, eigentlich eine Bewohnerin des freien Feldes, vom nass-kalten Wetter vertrieben seit einigen Tagen ihre Zeit im Wald verbrachte, wo sie mit ihrem kräftigen Schnabel Blätter beiseite schleudernd den Boden durchwühlte auf der Suche nach Schnecken und ähnlichem Getier, welches sie als Leckerbissen verschlang.
Kürzlich hatte sie dabei einen silbernen Ring gefunden, ein schönes Stück mit Stein.
Neugierig hatte sie eine Zeitlang damit gespielt, bis sie ihn schließlich, als sie seiner Nutzlosigkeit für sie gewahr wurde, achtlos fortgeworfen hatte, wie wohl auch der Mensch, an dessen Finger er einst gesteckt hatte.